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Kindertheater, eine Vision von Erich Kästner


(Oktober 1946, Neue Zeitung)

Das hier vorgetragene Projekt wurde von vielen Seiten lebhaft begrüßt. Aus allen Teilen Deutschlands stellten sich Menschen zur Verfügung. An vielen Orten wurden Kinder- und Jugendbühnen gegründet. Der Versuch hingegen, den Plan als Ganzes voranzutreiben und zunächst in München das Modell, den Idealfall, zu schaffen, scheiterte vorläufig. Leere Versprechungen gewinnen nicht dadurch an Bedeutung, dass sie von wichtigen Behörden gemacht werden. Aber die Sache ist noch nicht aufgegeben.

Die Klasiker stehen Pate

Ein Projekt zur Errichtung ständiger Kindertheater

Nun ist es soweit. Ich bin unter die Projektmacher gegangen. Ich möchte der staunenden Mitwelt einen Plan unterbreiten. Noch dazu einen Plan, der mit Geld, Organisation, Prozenten und ähnlich profanem Zeug zu tun hat. Ich weiß, dass Schriftsteller davon die Finger lassen sollten. Doch man kann sich nicht immer nach dem richten, was man weiß.


1. Vom Sinn ständiger Kindertheater

In unseren Theatern werden gelegentlich, besonders gern gegen Weihnachten, Märchen für Kinder gespielt. Das ist schön, aber das meine ich nicht. Es gibt neuerdings in einigen Städten sogenannte „Theater der Jugend“, in denen während der gesamten Spielzeit Stücke für Jugendliche aufgeführt werden. Das ist noch viel, viel schöner. Aber das meine ich auch nicht.
Sondern ich meine folgendes: In jeder größeren deutschen (österreichischen) Stadt müßte es in absehbarer Zeit ein „Ständiges Kindertheater“ geben. Ein Gebäude, wo während des ganzen Jahres Kinder für Kinder Theater spielen. Ein Gebäude, das allen Kindern der jeweiligen Stadt gehört. Die Leitung läge in den Händen ausgezeichneter, pädagogisch veranlagter Künstler, und in den Stücken müßten, soweit erforderlich, erwachsene Schauspieler mitwirken. Eltern und andere Nichtkinder dürften die Aufführungen natürlich besuchen. Sie dürften auch, im Gegensatz zu den Kindern, Eintritt bezahlen. Davon abgesehen, dürften sie in diesem Theater nichts. Es gehörte, wie gesagt, den Kindern. Sie würden spielen, zuschauen und sich in diesen grundverschiedenen Beschäftigungen abwechseln. Sie hülfen beim Entwerfen und Malen der Bühnenbilder mit. Sie würden kritisieren und debattieren. Sie würden musizieren und Kinderopern spielen. Sie würden in Nebenräumen ihre selbstgemalten Bilder ausstellen. Sie würden sich selber gelegentlich kleine Stücke und Festspiele schreiben. Sie könnten in ihrem Theater alles tun, was mit „Kind und Kunst“ zusammenhängt; und ein paar sehr geeignete, sehr gut bezahlte Fachleute hätten als gute Engel über den Wassern zu schweben. Alles, was hier spielend vor sich ginge, ließe sich am ehesten mit dem Schlagwort „musische Erziehung“ bezeichnen. Schlagworte sind etwas Schreckliches.
Die musische Erziehung hingegen ist etwas Großartiges. Es hat Sinn, das Militaristische im Kind auszumerzen, weil der moderne Krieg lasterhaft und wahnwitzig ist. Aber es wäre sinnlos, das Kind gegen den Militarismus zu erziehen. Man kann nicht gegen, sondern nur für etwas erziehen! Und die musische Erziehung hat wahrhaftig positive Ziele genug. Die ästhetische Heranbildung träte der Bildung des Körpers im Sport und des Verstandes in der Schule legitim an die Seite. Zum sittigenden Einfluß käme – sekundär, doch nicht zu unterschätzen – die Rückwirkung des Kindertheaters auf das Theater überhaupt. Eine im Spiel musisch erzogene Generation beschritte, älter werdend, unzweifelhaft den Weg zu einem höheren Niveau des Theaters, der Literatur und der Kust überhaupt. Schauspielerische, bildnerische, schriftstellerische, musikalische und kritische Talente könnten rechtzeitig erkannt und gefördert werden. Uns das Urteil und der Geschmack auch aller übrigen höben sich außerordentlich.

2. Der Plan der Finanzierung

Auch wer meiner Erörterung mit Anteilnahme und Kopfnicken gefolgt sein sollte, wird nunmehr fragen: „Ganz hübsch soweit – aber wer bezahlt den Spaß?“ An dieser Stelle des Gedankengangs komme ich nun mit meinem Projekt um die Ecke gebraust und rufe: „Die toten Dramatiker der ganzen Welt!“
Es gibt, mehr oder weniger bekanntlich, eine „Schutzfrist“. Die Theater sind gesetzlich verpflichtet, für Stücke, deren Verfasser höchstens 50 Jahre tot sind, Tantiemen zu zahlen. Also, solange der Autor lebt, erhält er durchschnittlich zehn Prozent der Bruttoeinnahmen; und äußerstens ein halbes Jahrhundert lang nach seinem Hinscheiden erfreuen sich seine Leibeserben und deren Erben der manchmal tröpfelnden, zuweilen rauschenden Einkünfte. Nach dieser „Schutzfrist“ ist es aus und vorbei. Die Tantiemenzahlung hört ruckartig auf. Und manche Theaterdirektoren beginnen sich die Hände zu reiben.
Ich gestehe offen, dass mich die Angelegenheit, obwohl ich noch längst nicht 50 Jahre tot bin, schon immer geärgert hat. Sie ist Sinnwidrig. Ein Bild von Rembrandt kriegt man, bloß weil der Maler seit Jahrhunderten verblichen ist, auch nicht geschenkt, im Gegenteil! Der Vergleich stimmt nicht ganz, ich weiß. Trotzdem finde ich, dass es gerecht und nützlich wäre, wenn die Theater auch für Stücke, deren Autoren 51 oder 2000 Jahre tot sind, eine Aufführungssteuer entrichteten. Sagen wir einmal, fünf Prozent der jeweiligen „Abendkasse“. Das Geld würde beispielsweise von der Bühnengenossenschaft eingenommen und dem Fonds „Ständige Kindertheater“ zugeführt werden ...
Glaubt noch jemand unter den Lesern. Dass, wenn es so würde, die Frage, wie man Kindertheater finanziert, nach wie vor unlösbar wäre? Ich versuche mir auszumalen, wie die Meldung über das Inkrafttreten einer solchen Abgabe im Pantheon der Dramatiker aufgenommen würde! Da säßen sie lächelnd beisammen, Sophokoles, Euripides, Shakespeare, Corneille, Schiller, Lope de Vega, Tolstoi, Moliere, Raimund, Kleist, Terenz, Goethe, Grillparzer, Racine und viele, viele andere ... Sogar Hebel würde lächeln ... Und Aristophanes würde, natürlich auf griechisch, sagen: „Solch eine Steuer gefällt mir. Sie macht uns zu Paten der Kinder!“ ... Und Scribe meinte vielleicht: „Dass ich den deutschen Kindern noch einmal soviel Spaß machen würde, hätte ich nie für möglich gehalten ...“ Und Sudermann liefe am Ende ärgerlich herum, weil er noch nicht im „Patenalter“ ist und das Geld immer noch an Rolf Lauckner geschickt wird ...

3. Vorteile und Weiterungen

Es hat, dezent ausgedrückt, dann und wann Theaterdirektoren gegeben, die eine gewisse Vorliebe für klassische Stücke deshalb besaßen, weil diese Werke „tantiemenfrei“ waren. Zehn Prozent haben oder nicht haben, ist ein Unterschied. Und zwar ein Unterschied von zehn Prozent. Aus dem entsprechenden Grunde fanden manche Direktoren – es waren wohl meist dieselben – an den Dramen lebender, wohl gar junger Autoren sehr wenig Gefallen. Das Risiko, ein vom Erfolg noch nicht geküßtes Stück zu bringen, gepaart mit der Notwendigkeit, dafür noch Prozente zu zahlen, überstieg ihre seelische Klimafestigkeit.
Vielleicht käme, infolge der Neuerung, hin und wieder einmal ein junger Autor zu Worte, der sonst nicht „riskiert“ würde? Auch das wäre den Klassikern im Pantheon nicht unlieb.
Da ich gerade dabei bin, mir den Unwillen der Theaterdirektoren zuzuziehen, halte ich es für das Beste, auch gleich den Verlegern auf die Zehen zu treten, jedenfalls den „sogenannten“ Verlegern – es ist ein Aufwaschen. Die „Schutzfrist“ gilt nämlich auch für Druckwerke, lieber Leser. Und es kamen früher und kommen auch heute manchmal Bücher auf den Markt, bei denen man merkt, warum es sich dabei um Klassikerausgaben, Anthologien alter Liebeslyrik und Novellensammlungen aus der Romantik handelt. Auch hier wäre eine Steuer, eine Abgabe im Dienste der Kinder, nicht ganz verfehlt. Kinderbüchereien, Jugendbibliotheken, Studienbeihilfen, Stipendien für junge „schwerverkäufliche“ Talente – es gäbe Möglichkeiten genug, die Erträge für die künftigen Generationen und für deren kulturelle Entwicklung nützlich anzuwenden.
Doch dieser kurze Hinweis auf das Verlagswesen ist ein großer Schritt von dem für heute und hier vorgesehenen Wege. Ich begebe mich wieder auf meinen Weg und lege das letzte Stück rasch zurück. Das Projekt bedürfte, wollte man ihm ernstlich nähertreten, sorgfältigster Überlegungen. Menschen, die Fachleute und Idealisten in einem wären, müßten sich zusammensetzen und zusammentun. Einigen Kennern, auch solche aus den Vereinigten Staaten waren darunter, habe ich den Plan skizziert. Sie finden die Sache sehr überlegenswert. Erich Kästner





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