Nationalratswahl 2017

Rechtfertigung an mich selbst? Appell an die Nichtwähler?


Hohenems, 6.5.2016 Gabriele Bösch

Als Kind war für mich ein Jud ein Mensch, der Dinge zu teuer verkaufte. Ein Hitler war ein Mensch, der für Ordnung sorgte.
Ich brauchte viele Jahre, um diese beiden Sätze in einem Zusammenhang zu sehen.

 
Als Kind verbrachte ich meine Ferien oft bei meiner Großmutter. Sie war eine alleinstehende alte Frau, die in der Großstadt Graz lebte. Sie machte den besten Salat der Welt, kannte alle Pilze und las die Kronenzeitung. Und jedes Mal, wenn sie in dieser Zeitung las, dass irgendwo in ihrer Stadt einer alten Dame die Handtasche geraubt wurde oder es am Jakominiplatz zu einer Messerstecherei gekommen war, dann fiel er, dieser Satz: Unter dem Hitler hätte es das nicht gegeben.

   
Ich wusste nicht, wer dieser Hitler war, achtete aber auf den Ton in ihrer Stimme. Meine Großmutter, die ich doch liebte, verwandelte sich während dieses Satzes – und ich fürchtete mich vor ihr. Es lag ein Lauern darin, obwohl doch nur ich anwesend war. Es lag aber auch eine gewisse Schlauheit darin, die ich nicht von ihr gewöhnt war. Sie triumphierte über etwas, ich wusste nicht über was. Der Hitler hätte Ordnung gemacht mit dem Gsindel. Mir stellte es die Nackenhaare auf, wusste ich doch nur zu gut, dass ich auch schon mal geklaut hatte.
 
Um sie abzulenken, stellte ich dann Fragen zu den Nachnamen in unserer Familie, die ergaben nämlich für mich kein sauberes Bild. Großvater, ihr zweiter Mann, war deutscher Rumäne gewesen. Ihn hatte sie nie geheiratet, weil das unter dem Hitler nicht möglich gewesen war.

 
Also was jetzt? Einerseits war unter dem Hitler Ordnung gewesen, andererseits hatte sie meinen Großvater nicht heiraten dürfen. Ihr machte dieser Widerspruch anscheinend kein Kopfzerbrechen. Mich beschäftigte er ein Leben lang. Und ich vertraute ihr nie wieder.

 
Zuhause fragte ich weiter, vor allem nach den Familiennamen. Nach dem Hitler durfte ich nicht fragen, weil mein Koblacher Opa da sehr böse wurde. Er war aus dem Krieg zu Fuß von Jugoslawien nach Hause gelaufen. Auf Omas Kommode stand ein Bild dieses Mannes in Uniform. Ich brauchte wieder Jahre, um drauf zu kommen, dass das kein Bild von Opa war, sondern eines von Papa beim Bundesheer.

 
Gott sei Dank gab es die Schule. Ich musste allerdings vierzehn werden, bis ich mir einigermaßen vorstellen konnte, was da unter dem Hitler passiert war. Großvater hat sein Leben lang dicht gehalten. Kein einziges Wort hat er über den Krieg verloren. Als ich mir mit siebzehn Goebbels Tagebücher zu Weihnachten wünschte und er das Buch unter dem Christbaum sah, wurde er fahl. Er ging. Ich war verstört. Ich wollte doch nur wissen, wie das alles möglich gewesen war, wie diese Propaganda funktioniert hatte. Warum alle diese vielen Menschen darauf hereingefallen waren. Aber ich vertraute seinem Gesicht. Immer. Und den amputierten Beinen seiner Brüder. Ich habe das Buch nie angerührt. Irgendwann habe ich es auf dem Flohmarkt verkauft.

 
Ich fand andere Quellen.
 

Erich Fromm z.B., der schon in den Dreißiger Jahren untersucht hatte, was geschehen war. Wenn ich mich recht erinnere, waren ungefähr 16 Prozent der Menschen überzeugte Nazis, und etwa auch 16 Prozent waren im Widerstand. Die anderen gingen mit – auf der Seite von diesem Hitler. Arno Gruen baute seine Forschungen auf denen von Fromm auf. Die empirischen Forschungen von beiden haben gezeigt, dass sich viele Eigenschaften und Merkmale von Menschen in einer Gesellschaft der Gaußschen Normalverteilung entsprechend verhalten. So sind 16 Prozent der Menschen in einer Gesellschaft autoritär-ausbeuterisch. Ihnen stehen 16 Prozent an Menschen gegenüber, die durch Liebe geformt sind und des Mitgefühls mächtig. Die 64 Prozent in der Mitte sind diejenigen, „deren Umwerbung das politische Leben kennzeichnet“. Sie benötigen eine Autorität, die ihnen sagt, was zu tun sei. Sie haben, warum auch immer, nicht gelernt, in Gesichtern zu lesen. Sie vertrauen dem „Stärkeren“. Was ist nun aber „das Stärkere“? Der, der eloquenter spricht? Strache rezitiert seine Reden wie Gedichte. Ich gebe zu, manchmal könnte ich neidisch werden, aber ich weiß, jeder Schauspieler, dem ich meine Gedichte zu lesen gäbe, würde sie besser lesen als ich: er hat es gelernt. Was keineswegs heißen muss, dass er meine Inhalte verstanden hat. Aber er kann einwickeln, mit Stimme und Tonfall. Er kann verführen. Ist derjenige der Stärkere, der auf seinem Wahlplakat in den Himmel schaut? Was ist das für eine Geste des Heilversprechens? Was gibt es im Himmel zu holen? Wolken! Hätte Hofer in die Sonne geschaut, wäre er sofort erblindet. Aber wir sehen nur das leuchtende Gesicht und hören auf zu denken.
 
Wer ist der Stärkere?
 

Der, der seine Facebookseite regelmäßig nach dem Schema betreut: Sieg. Ich. Vernichtung. Bibelspruch oder Liebeszitat. Sieg. Ich. Vernichtung. Bibelspruch oder Liebeszitat. Alles schön in Bildern aufgelistet, weil: ein Bild spricht mehr als tausend Worte. Alle liken. Sieg einer Schirennläuferin. Ich habe das Konzert eröffnet. Der vorige Bürgermeister hat Scheiße gebaut. Bibelspruch zum Karfreitag. Sieg der Fußballmanschaft. Ich habe einen Interessenten an der Angel. Der vorige Bürgermeister hat Scheiße gebaut. Bibelspruch zu Ostern. Die Hohenemser Wahlen haben mich verdorben – ich werde pragmatischer. Die Hohenemser Wahlen haben viele andere verdorben – sie werden blinder.
 
Und da gibt es die 64 Prozent an Menschen, von denen viele Grund haben, die FPÖ zu wählen. Die FPÖ hat ihr Ohr am Bürger. Sie kennt alle seine Sorgen – und formuliert sie geschickt in Sieg um. Aikidostrategie. Ich nehme deinen Angriff und lenke ihn geschickt um. Ich nehme deine Sorge und formuliere eine Behauptung daraus: Das Frauenhaus ist schuld daran, dass es so viele zerrüttete Ehen gibt. Geflüstert wie ein Gedicht. Die offenen europäischen Grenzen sind schuld daran, dass du keinen Job hast. Und du vergisst, dass du über die Grenze fährst, um in Deutschland beim Aldi einzukaufen, damit du überleben kannst. Usw.
 

Der Blick in den Himmel zieht.
 

Und ich würde hier gerne schreiben, dass sie vergessen, dass wir hier einen Bundespräsidenten wählen und keine Partei. Das kann ich aber nicht. Denn diese Menschen haben völlig recht: Sie wählen eine Partei. Nun, Sie werden behaupten, auch hinter Alexander van der Bellen steht eine Partei. Sie haben Recht, die Grünen haben seinen Wahlkampf unterstützt. Ich bin seit meiner ersten Wahl eine Grüne, habe jedoch keine Unterstützungserklärung für VdB unterzeichnet, ich bin TTIP-Gegnerin und EU-Kritikern. In den letzten Wochen ist da wohl viel interne Arbeit geleistet worden, um Alexander van der Bellen „umzukrempeln“. Manche schimpfen ihn deshalb Wendehals. Ich sehe das anders. Hinter ihm stehen denkende Menschen, die an ein gemeinsames Europa glauben, die aufstehen gegen billige Polemik. Hinter ihm stehen Menschen, denen die Geschichte Europas noch in den Knochen steckt, die amputierten Unterschenkel ihrer Ahnen und die schwarze Milch der Frühe. Hinter ihm stehen Menschen, die Mitgefühl haben. Nach vorne – und nach hinten auf der Zeitlinie.
Hinter ihm stehen Menschen, die sich zurecht den Begriff Heimat wieder aneignen:
 

Heimat ist dort, wo ich bin.
Das war lange Zeit Koblach, dann Innsbruck, dann Hohenems.
Das war lange Zeit ein kleiner Garten, dann ein Blumentopf, dann ein Teich und ein Fußballfeld.
Heimat ist dort, wo ich im anderen bin.
Das war lange Zeit nirgendwo, dann in meinem Mann und bald in den Kindern.
Das war lange Zeit im Traum, dann auf der Couch, dann in ständig sich vermehrenden Stockbetten.
Heimat ist dort, wo ich in mir selbst bin.
Das war lange Zeit im Schweigen, dann in den Wörtern, und dann in den Fotografien.
Das war lange Zeit denkend, dann handelnd, und endlich nur schauend.
Heimat ist dort, wo ich über mich selbst hinausgegangen bin.
Im Lächeln, das ich verschenkte wie auch in den zornigen Worten.
In den Briefen, die ich schrieb wie auch in den unveröffentlichten Gedichten.
Heimat ist dort, wo wir uns treffen, wenn auch du über dich hinausgegangen bist.
Das ist manchmal an einem Ort, in Träumen, in Gedanken, und seit neuestem im Netz.
Wenn du online bist und ich online bin, eröffnen wir ein Feld der Möglichkeit:
Heimat entsteht dort, wo wir in Verbindung gehen: mit einem Menschen, einem Tier, einer Blume.
Das geht niemals über den Verstand.
Heimat entsteht dort, wo wir fühlen.
Und fühlen geht nur über das Gegenüber:
Meine Hand fühlt sich selbst an deiner Haut. Deine Haut fühlst du unter meiner Hand.
Und jetzt bin ich müde. Es ist zwei Uhr vorbei.
Vielleicht war es sinnlos, diesen Text zu schreiben, vielleicht auch nicht.
Man muss immer tun, was diese leise Stimmen sagen.
Die Stimmen der Töchter in deinem Bauch, noch ungeboren flüstern sie dir schon ihren Namen.


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