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Türen gehen auf 18 / 06.03.2013


Briefe an die Bewohner/innen einer Stadt

Von Gabriele Bösch

Eigentlich wollte ich jetzt einen Brief an Sie auslassen, da ich ganz weit weg war. Ich war in Innsbruck, das heißt, ich habe ein Stück meiner Vergangenheit neu erlebt.

Dann war ich in Wien und fragte mich, ob diese Stadt ein Stück meiner Zukunft sein könnte. Es gibt sie, diese leise Sehnsucht nach der Großstadt mit ihren vielen Möglichkeiten, die Sehnsucht auch nach jener Anonymität, in der man sich neu erfinden kann.

Einmal saß ich in der U-Bahn und beobachtete eine Szene. Fünf Jugendliche mit migrantischem Hintergrund. Einer stand auf, ging ein paar Schritte weg, kam dann schwungvoll zurück und schlug einen der anderen, der sich erhoben und sich ihm in den Weg gestellt hatte, wuchtig nieder, auf die Nase, glaube ich. Er lag dann am Boden und war ganz still. Einer der Jugendlichen sagte: „Der rührt sich nicht mehr, hey, der blutet!“ Ein anderer im blauen Blouson schien schockiert und zückte sofort sein Handy. Ich beobachtete die Menschen um mich herum, wie sie auf den am Boden Liegenden sahen. Ein einziges Gesicht war teilnahmslos, der Mann wollte an der nächsten Haltestelle aussteigen, das Ereignis würde ihn nichts mehr angehen. Die anderen Gesichter waren angstvoll verwirrt. Sollte man helfen? Würde man, wenn man sich um den am Boden Liegenden kümmerte, ebenfalls Schläge einstecken? Die Menschen drehten sich weg. Ich schaute hin. Als nach einer gefühlten Ewigkeit niemand reagierte, sagte einer: „Steh auf!“ Da stand der am Boden Liegende auf, er hatte keine blutige Nase, es fehlte ihm gar nichts. Sie lachten, stellten sich zusammen an eine Stange und stiegen dann irgendwann aus.

Ich hatte die fünf schon zuvor beobachtet, darum habe ich mich nicht gefürchtet. Ich hätte nicht sagen können, woher sie stammten, sie sprachen Deutsch miteinander. Sie hatten Witze gemacht, sich gegenseitig gestupst, saßen aufeinander, rangelten, provozierten, bis zu eben jenem fingierten Schlag. Ein perfekt inszeniertes kleines Stück, das mit den Ängsten der Mitreisenden spielte. Unter anderen Umständen wäre das als Kunst durchgegangen. Denn, der Clou an dem Ganzen war doch, dass sie Deutsch miteinander sprachen. Wer nicht zugehört hatte, war ihnen auf den Leim gegangen.
Hätten sie dieses Stück auch gespielt, wenn ich sie gegrüßt hätte? Wenn ich ihnen ein Lächeln geschenkt hätte, einfach so? Ich glaube nicht. Ich glaube im Gegenteil, es hätte ihre Anonymität durchschnitten, jenes Nichtbekanntsein, das nur im Kopf entsteht. Im Herzen gibt es keine Anonymität.

Am Ende des ersten Teils der Zukunftswerkstatt wurden wir Teilnehmer aufgefordert, einen Begriff auf eine Karte zu schreiben. Unter diesem „Filter“ sollten wir zwei Wochen lang unser Erleben betrachten. Auf meine Karte hatte ich Herzlichkeit geschrieben.
Warum, frage ich mich, ging mir meine Herzlichkeit in einer Millionenstadt derart verloren? Und wie erging es wohl den anderen Teilnehmern, die sich u.a. Offenheit, Bewusst Sein, Liebe, Frieden auf ihre Karten geschrieben hatten? War es für sie in Hohenems leichter?

violett blüht
der krokus im süden
schließt seine blüte
des nachts
während
tagsüber
niedrig ein uhu
über mein hausdach
fliegt

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