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Türen gehen auf 15 / 13.02.2013


Briefe an die Bewohner/innen einer Stadt

Von Gabriele Bösch

Am Montag hat mich mein Vater angerufen. Er wolle sein Nähzimmer auflassen. Ob ich jemanden kenne, der seine zwei Industrienähmaschinen brauchen könne.

Im ersten Moment war ich regelrecht schockiert. Im zweiten Moment ging ich im Geiste unser Haus Raum für Raum durch und kam zu dem Schluss, dass ich keinen Platz habe. Also war ich erneut schockiert. Ich konnte nur noch schlucken.
Bis zu seiner Pensionierung war mein Vater Schneider gewesen. Vom Pyjama bis zur Jethose hat er uns in unserer Kindheit alles selbst genäht. Ich muss so ungefähr 12 oder 13 gewesen sein, als er damals einen ganzen Ballen braunen Schnürlsamt kaufte. Daraus hat er für Mama und mich Kostüme, für sich selbst und meine drei Brüder je einen Anzug genäht. Es gibt Fotos. Die ganze Familie in diesen braunen Stoff gehüllt. 1976/77. 1978 bin ich in genau diesem Kostüm zum ersten Schultag ins BORG Götzis gegangen, das damals noch in der Hauptschule untergebracht war.
Ich gebe zu, damals war es mitunter ein Zeichen von „Armut“, in Selbstgenähtem herumzulaufen, damals, als alle Welt Jeans und Karottenhosen trug – und mein Vater auf Qualität stand. Wollstoffe, kariert, die kratzten. Eines Tages habe ich mich dazu verstiegen, zu sagen: „Papa, jetzt reicht‘s. Ich will auch eine Jeans.“ Wissen Sie, was er sagte? Er hat garantiert geschluckt. Aber er sagte: „Gut. Ab jetzt nähst du dir deine Sachen selbst.“
Darauf folgte natürlich eine Trotzphase. Ich jobbte, um mir eine Jeans leisten zu können. Aber all das andere? Man konnte ja nicht oben ohne gehen. Ja, da musste ich ihn bitten, mir beizubringen, wie man das tut: Nähen. Ich hatte das zwar in der Schule gelernt, aber Schnitt zeichnen konnte ich nicht. Ja, ich musste bitten. Und er war unerbittlich. Er war dabei mit seinem Rat, aber tun musste ich es selbst. Ich hab mir dann auch das Kleid für den Maturaball genäht. Das Dirndl für die Mündliche Matura. Ich war stolz, weil ich mir selbst helfen konnte, weil ich mir immer noch selbst helfen kann.
Sehen Sie. All das ist mit dem Verschenken der Nähmaschinen verknüpft. Diese unendliche Wertschätzung für das Handwerk. Diese Liebe für gesteppte Nähte, für Passepoils, von denen niemand mehr den Ausdruck kennt, während ich in Geschäften die Qualität des Genähten überprüfe und mir denke: Das ist nicht einmal das wenige Geld wert.
Ich habe den Untergang der Vorarlberger Textilindustrie zu Hause am eigenen Leib erfahren. Der in V produzierte Faden sei zu teuer, um wettbewerbsfähig zu bleiben, erklärte mir mein Vater. Ja, und irgendwann war dann auch er zu teuer.
Letztes Jahr fragten meine Söhne meinen Vater: „Opa, nähst du uns einen Anzug, das wär so cool! Ein maßgeschneiderter Anzug vom Opa!“ Ja. Ich fand das auch cool. Mein Vater seufzte und sagte: „Das geht nicht. Ich weiß noch nicht einmal mehr, wo ich einen Unterkragen her kriege …“

Warum ich Ihnen das schreibe?

Damals wurde ich von meinem Vater liebevoll vermessen – ließe ich mir heute etwas maßschneidern, wäre das für mich nicht leistbar, es wäre der pure Luxus. Dieser Begriff „Luxus“ änderte sich – und meine Kinder können das erkennen.
In den Sechziger Jahren hatten wir saubere Luft, Wasser, Wohnraum, Sicherheit und Fernseher, Telefon und Flugreisen waren Luxus. Heute sind Flugreisen, elektronische Alltagsgeräte für fast alle normal, saubere Luft, Wohnraum, Sicherheit hingegen sind Luxus.
Damals bahrte man Tote bei sich zu Hause auf, nahm Abschied. Heute wird mein 10-Minuten-Blick auf meine tote Großmutter mit 45 Euro verrechnet. Vielleicht zahlen wir bald Eintritt für Beerdigungen …
Eine Vision verlangt, dass wir aus der Zukunft in die Gegenwart schauen. Dabei kann man auch in der VisionStadtHohenems die gesamtgesellschaftliche und die gesamtwirtschaftliche Entwicklung nicht außer Acht lassen. Was also erklären wir zum Luxus der 2030er Jahre? Frisches Obst und Gemüse und den Blick aufeinander? Oder doch wieder lieber Flugreisen? Dafür stellen wir heute die Weichen. Das wird nicht ohne das Bekenntnis zu mehr Bescheidenheit geschehen können – und es wird nicht ohne Bewusstsein für Zusammenhänge geschehen können. Es genügt nicht, die Bienen auf dem Papier zu retten, indem wir eine Petition unterschreiben. Wir müssen Blumen pflanzen. Jeder einzelne von uns.
Der Fasching ist vorüber. Am Funkensamstag, dem 16.2., treffen wir uns um 14 Uhr vor dem Visionscafé (ehemals Buchhandlung Eulenspiegel) und gehen gemeinsam den von den Lehrlingen der Firma Collini mit dem Künstler Günther Blenke gestalteten Weg von der Marktstraße (Christengasse) ins Jüdische Viertel zur Frohen Aussicht, wo all die Stadtentwicklungsprojekte der letzten 7 bis 10 Jahre ausgestellt sein werden. Der Magier Jürgen Peter wird uns zum Thema „Wahrnehmung“ be-zaubern.
Am Funkensonntag, dem 17.2., treffen wir uns um 16 Uhr vor dem Nibelungenbrunnen. Thomas Kopf wird uns dann eine Stunde lang durch die Intimitäten unserer Altstadt führen!
All diese Mitwirkenden seien herzlich bedankt! Und wer sich vor den Zukunftswerkstätten noch in größere Zusammenhänge einlesen möchte, hier ein Buchtipp: „Energiewende – Das Handbuch“, Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen, von Rob Hopkins, erschienen 2008 im Verlag Zweitausendeins. Dieses Buch mit „seinen vielen praktischen Ratschlägen zur Verwirklichung und Verbreitung des Energiewendegedankens wird die Liebe des Lesers zu seiner Stadt, seiner Gemeinde und dem einfachen Leben wecken und bestärken …“

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