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Die ewige Wiederkehr der Ungenauigkeit

 
Über Schalttage, Schaltmonate, Schaltjahre und Kalenderreformen

Das Bestreben, den kalendarischen Jahreslauf mit dem Sonnenlauf in Einklang zu bringen und zu halten, hat uns Schalttage und Schaltjahre beschert. – Ein Rückblick auf eine längere Geschichte aus heute gegebenem Anlass.

Klaus Bartels

Am 13. Februar 50 v. Chr., ein Jahrfünft vor Cäsars Kalenderreform, schreibt Cicero aus seinem kleinasiatischen Prokonsulat einen langen Brief an seinen Freund Atticus in Griechenland; er schliesst mit der Bitte: «Wenn du dann weisst, ob es in Rom einen Schaltmonat gegeben hat oder nicht, schreib mir doch bitte . . .» In dem nächsten Brief geht es um die Verleihung der Bürgertoga an den bald volljährigen Neffen Quintus: «Ich werde es damit so halten, wie wenn nicht geschaltet worden wäre.» Das altrömische Bauernjahr begann mit dem März und endete mit dem bis heute kürzeren Februar. Mit seinen 12 Mond-Monaten von zusammen 355 Tagen wäre dieses Mondjahr dem Sonnenlauf um gut 10 Tage vorausgeeilt, und so schaltete man gegen Ende jedes zweiten Jahres einen Schaltmonat von abwechselnd 22 oder 23 Tagen ein. Damit war der Fehler mehr als ausgeglichen: 4 Sonnenjahre von je 365,25 Tagen haben 1461 Tage; mit seinen Vierjahreszyklen von 355 und 377, 355 und 378, zusammen 1465 Tagen ging der altrömische Kalender in jedem Jahr einen Tag nach.

Eine Idee aus Ägypten

Doch das bedeutete nichts gegenüber der Nachlässigkeit oder auch der Willkür, mit der die Priester da schalteten und walteten; mit einem solchen Schaltmonat verschoben sich ja alle politischen und gerichtlichen Termine um eine – ersehnte oder verwünschte – Frist von 22 oder 23 Tagen. Schon auf der Reise in seine Provinz hatte Cicero seinen Freund gebeten, doch ja dafür zu «kämpfen», dass dieses ungeliebte Amtsjahr nicht noch zu einem extralangen Schaltjahr werde.
190 v. Chr., als Rom über König Antiochos den Grossen siegte, eilte der Kalender der Weltmacht dem Sonnenlauf um 119 Tage voraus. Das wäre, wie wenn wir jetzt, Ende Februar, noch Altweibersommer hätten. In Ciceros Konsulatsjahr 63 v. Chr. lagen Kalender und Sonne in diesem spannenden Wettlauf einmal Nase an Nase gleichauf; aber bis zu Cäsars Reform hatte der Kalender schon wieder 90 Tage Vorsprung herausgeholt. Mit feiner Ironie spricht Ovid dieses Missverhältnis zwischen Weltherrschaft und Kalenderwirrwarr in seinem «Festkalender» an: «Auf die Waffen, Romulus, verstehst du dich besser als auf die Gestirne!»
Im Herbst 47 v. Chr. kehrte Julius Cäsar aus Ägypten – von Kleopatra – nach Rom zurück, und das ägyptische Sonnenjahr und eine ptolemäische Schalttags-Idee waren seine beste Kriegsbeute. Mit 3 Schaltmonaten von zusammen 90 Tagen brachte er den alten Kalender bis zum Jahresende 46 noch buchstäblich à jour, und am 1. Januar 45 v. Chr. liess er seinen neuen, mit der geringfügigen gregorianischen Korrektur bis heute gültigen julianischen Kalender anlaufen. – Nach Massgabe der Nil-Schwelle und des Sirius-Aufgangs hatten die alten Ägypter ein Sonnenjahr von 365 Tagen eingeführt; auf 12 gleiche Monate zu je runden 30 Tagen folgten am Schluss 5 Götter-Feiertage. Eine Schaltung kannte dieser Kalender nicht. Jahr für Jahr ging er gegenüber dem Sonnenlauf um einen Vierteltag vor; alle 4 Jahre wurde es um einen Tag früher Sommer und Winter. In einem Menschenleben fiel das noch kaum auf; doch im Laufe der Jahrhunderte schoben sich die Kalenderjahre allmählich durch die Jahreszeiten, bis sich der Kreis nach viermal 365, also 1460 Jahren wieder schloss.
Wohl schon im 8. Jahrhundert v. Chr. hatten die Babylonier die Jahreslänge aufgrund der regelmässig wiederkehrenden Sonnenfinsternisse auf 365,25 Tage bestimmt. Ein Ausgleich durch einen Schalttag in jedem vierten Jahr hätte nahegelegen. Doch zu einem solchen Vorstoss ist es erst in hellenistischer Zeit gekommen. König Ptolemaios III. Euergetes, «der Wohltäter» (246–221 v. Chr.), gedachte, im Anschluss an die 5 Götter-Feiertage in jedem vierten Jahr noch einen sechsten Extra-Feiertag zu Ehren seiner selbst einzuschalten. Aber diese Wohltat wollten die Ägypter ihrem ptolemäischen «Wohltäter» durchaus nicht abnehmen, und so blieb der Geniestreich vorerst unausgeführt.
Nachdem der griechische Astronom Hipparch im 2. Jahrhundert v. Chr. die Jahreslänge auf 365 Tage, 5 Stunden, 55 Minuten und 12 Sekunden präzisiert hatte, bedurfte es zu einer zukunftsträchtigen Kalenderreform einzig noch der politischen Innovationslust und Durchsetzungskraft. Cäsar vollbrachte ein Meisterstück der Verpackungskunst: Er brachte es fertig, den ägyptischen Kalender samt dem ptolemäischen Schalttag so täuschend römisch einzukleiden, dass der gewöhnliche Gaius oder Marcus den Wechsel vom Mond- zum Sonnenjahr im Alltag kaum wahrnahm.
Es gab keine Einheitsmonate von 30 Tagen, so praktisch dies gewesen wäre. Statt wie vorher 29 oder 31 Tage hatten die Monate nunmehr 30 oder 31, der Februar weiter seine 28 Tage. Auch die Tageszählung blieb die alte: Von den «Kalenden», den jeweils «Monatsersten», den «Nonen» in der ersten Monatshälfte und den «Iden» in der Monatsmitte aus wurden die Tage, so unpraktisch dies war, wie gewohnt weiterhin rückwärts gezählt. Dieser julianische, eigentlich ja ägyptische Kalender mit dem ptolemäischen Schalttag bewahrte durchweg die Benutzeroberfläche des altrömischen Kalenders; und der Zufall brachte es mit sich, dass der neue Schaltzyklus wie der alte wieder ein Vierjahreszyklus war.
Der neue Schalttag bekam den Platz des alten Schaltmonats nach dem feuchtfröhlichen Grenzsteinfest, in unserer Zählung: den Platz nach dem 23., also den des 24. Februar – oder römisch rückwärts gezählt: den Platz vor dem «sechsten Tag vor den Kalenden des März». Die Römer nannten diesen Tag danach den bissextus dies, den Tag, an dem man «zum zweiten Mal den sechsten Tag» schrieb; daher rührt noch der anno bisestile und die année bissextile. Trotz all dieser Behutsamkeit witterten Cäsars Gegner selbst in diesem Kalender-Edikt noch den beissenden Ruch der Diktatur. Auf die beiläufige Bemerkung eines Freundes, morgen gehe das Sternbild der Leier auf, erwiderte Cicero: «Ja, ja: alles gemäss Edikt!»
Nach der Ermordung des Diktators an den Iden des März 44 v. Chr. hatte der neue Schaltzyklus zunächst einen Fehlstart. Die Nachfahren des Romulus, die sich eben eher auf Rüstung, Helm und Schwert als auf Sonne, Mond und Sterne verstanden, schalteten zwölfmal bereits in jedem dritten statt in jedem vierten Jahr – sie hatten nach römischer Zählweise jeweils das letzte Schaltjahr mitgezählt. Im Jahre 761 «nach Gründung der Stadt», 8 n. Chr., liess Augustus den Schaltzyklus nochmals neu anlaufen; es ist also Zufall, dass die Schaltjahre in unserer Ära «nach Christi Geburt» Vielfache der Vier sind.
Über 501 Schaltzyklen hinweg ist Cäsars Kalender seither seinen geregelten Gang gegangen. Diese Langlebigkeit liess schliesslich einen lässlichen Altersfehler, eine leichte Neigung zum Zuspätkommen, in Erscheinung treten. Gegenüber dem Sonnenjahr von 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten und 46 Sekunden ist das julianische Jahr mit seinen 365,25 Tagen um 11 Minuten und 14 Sekunden, sein Vierjahreszyklus um 44 Minuten und 56 Sekunden zu lang. Alle 4 Jahre wird es um diese Dreiviertelstunde früher Sommer und Winter. Im frühen Mittelalter ging der Kalender schon bald eine Woche nach. Als Karl der Grosse unter den Weihnachtsglocken des Jahres 800 in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, läuteten im Himmel über der Ewigen Stadt bereits die Neujahrsglocken das neue Jahrhundert ein.

Restfehler und Rest-Restfehler

Papst Gregors XIII. Kalenderbulle, die auf den 4. Oktober 1582 sogleich den 15. Oktober folgen liess, traf über dieses buchstäbliche Up-Date hinaus Vorsorge für die Zukunft; sie verfügte, dass fortan nur noch jedes vierte, durch 400 teilbare Säkularjahr ein Schaltjahr sein solle. Der nun noch verbleibende Restfehler, in 400 Jahren 2 Stunden, 53 Minuten und 20 Sekunden, summiert sich jeweils in gut 3300 Jahren wieder zu einem Tag. Das soll uns heute nicht beunruhigen. Wir lassen dann einfach im Februar 4000 den Schalttag aus und verfügen dasselbe für alle folgenden durch 4000 teilbaren Millenniumsjahre. Der Rest-Restfehler von einer guten Stunde in 1000 Jahren macht erst an den «griechischen Kalenden» wieder einen ganzen Tag aus. Wenn Gott will und wir leben, können wir im Februar 40 000 ja wieder entsprechend verfahren.

Quelle: NZZ

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