Nationalratswahl 2017

Türen gehen auf 9


Briefe an die Bewohner/innen einer Stadt
 

Von Gabriele Bösch


Letzthin formulierte ich, dass ich auf allen Ebenen nur noch Gärtner als Politiker einsetzen würde.
Das klingt vermessen, ist es aber nicht. Jedem Gärtner, sei er nun Profi oder Laie, ist bewusst, dass er auf guten Samen angewiesen ist. Aus dem Samen zieht er Pflänzchen, die er zum richtigen Zeitpunkt pikiert – er schafft Platz für die Entfaltung der Wurzeln der jetzt noch kleinen und doch in Zukunft Frucht tragenden Pflanzen. Später setzt er die Pflanzen an ihnen entsprechende Standorte. Jeder Gärtner weiß auch um Mischkulturen und um richtige Zeitpunkte.

So hat mein Brief Nummer 9 an Sie angefangen. Heute ist der 21.12.2012. Mein Herz ist schwer und schweigt. Ich breche den Brief an Sie hier deshalb ab, weil Sie liebe Bewohner/innen mein Herz verdient haben!


Liebe Stadtvertretung

Es ist lange her, dass ich Geografie studiert habe, und dennoch sind mir die Berichte an den Souverän immer noch im Gedächtnis. Ich habe meine Texte hier auch ganz bewusst „Briefe an die Bewohner/innen einer Stadt“ genannt, um dem schweigenden Souverän meine Achtung und meine Ehre auszudrücken – schlicht als Bewohner.
Der Visionsprozess, den Sie liebe Stadtvertreter/innen einstimmig beschlossen haben, ist für mich persönlich der erste wirkliche politische Prozess, der in dieser Stadt ablaufen – könnte, da er von Solidarität kündet. Deshalb engagiere ich mich, Boden zu bearbeiten, mit Harke (Witz) und Rechen (Liebe), um feinen Samen zu säen auf dem Beet unserer Stadt, dessen Erde aus einzelnen Menschen besteht.
Jetzt ist es für mich so, als ob durch dieses sorgfältig angelegte und frisch besäte  Beet immer wieder mal ein Hund trampelt. Die Gärtner wissen, was ich meine. Die ganze Arbeit muss noch einmal gemacht werden. Ich weine. Haben wir die Kraft, noch einmal von vorne anzufangen? Wenn ja, können wir vorbeugen? Das sind die Fragen, die sich mir stellen. Es gibt zwei Möglichkeiten, denke ich. Wir können einen Zaun um das Beet bauen, es schützen, oder wir können zu den Nachbarn gehen, und sie bitten, ihre Hunde an die Leinen zu nehmen, als Zeichen, dass sie unsere Arbeit gleich wertschätzen, wie wir die ihre. Dieser Gang zu den Nachbarn kostet mehr, als einen Zaun zu errichten, weil er eine Bitte ist.
Vor Wochen fragte mich ein Herr, ob ich glaubte, dass diese „Stadt“ überhaupt wisse, was Stadt sei, was Stadt bedeutet.
Die Verschwörung der Menschen mit einem Ort, das ist Stadt
Ich zitiere:
„Offenkundig ist der Ort einer Stadt der erste Schlüssel zu ihrer Gestalt, ihrem Gefüge und ihrer Geschichte. Sein Geheimnis ist es, an dem sich über die Jahrhunderte die Leidenschaft der Menschen entzündet, eine schöne Stadt zu bauen. Die Verschwörung der Menschen mit einem Ort, das ist die Stadt. Die Römer haben es unübertroffen ausgedrückt, als sie vom Genius Loci, in seiner genauen Bedeutung also von der „Zeugungskraft des Ortes“, sprachen.
Was aber bringt der Mensch in dieser Verschwörung mit dem Ort hervor? – Was ist Stadt? Der Entstehungsort der Macht und der Freiheit, der Kultur und der Demokratie, das Selbstbildnis des Menschen; ein Raum, groß genug, um die Vielfalt der Lebensformen und Weltanschauungen zu versammeln, und dicht genug, um sie beständig ineinander zu verstricken…
…die aus dem Ort gewonnenen Gestaltungsgesetze zu brechen, ist weder Kriegen noch Naturkatastrophen gelungen. Der Mensch selbst kündigt den Pakt! Er hat die Stadt zum Grundstücksmarkt erklärt. Nicht ihr Weiterbau, sondern ihre Verwertung ist das neue Ziel der Stadtentwicklung. Erhaltung und Pflege ihrer Landschaften werden als Mißachtung von Eigentumsrechten, Behinderung der Wirtschaft und als Verschwendung von Bauland angesehen.
Wird aber die Eigenart des Ortes der Stadt oder seine Umgebung zerstört, so geht auch die Idee dieser Stadt zugrunde. Sie hört auf, eine Stadt zu sein, das heißt, sie verliert ihre Gestalt und damit auch ihre soziale und ökologische Qualität. Abgelöst von ihrer Baugeschichte, entwickelt sie sich anonym, zur Gegend, zur bloßen Agglomeration, einer Anhäufung von Wohn- und Arbeitsstätten. Banalität wird zum Lebensraum…
… Ein Aufstand zur Rettung der Stadt kann nur von der Bürgerschaft jeder einzelnen Stadt kommen. Nur sie selbst, als Souverän der Stadt, kann ihren Anspruch geltend machen, endlich auch zum Bauherrn ihrer Stadt zu werden. Nur sie selbst kann die Forderung nach einer Stadt stellen, von der gesagt werden kann, daß sie die Selbstdarstellung der Demokratie ist.“
(Berichte an den Souverän, Johannes Voggenhuber, Residenz Verlag, 1988.)
Liebe Bewohner/innen, liebe Stadt-ver-tretung! Ich bitte Sie, gemeinsam mit mir und allen anderen Menschen, unseren Garten, unsere Stadt weiter zu er-träumen. Durch das Träumen wie es sein könnte und dann erst das Denken, was möglich ist, formt die Vision die Gestalt der Stadt. Dann wird alles gut. Dann wird die Stadt, unser Hohenems geboren. Die herzlichste Stadt Österreichs.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen