Nationalratswahl 2017

Die Blutspur des Propheten


Von den Muslimbrüdern bis zu Isis: Der islamistische Terror verläuft an der Scheidelinie von Sunniten und Schiiten. Die Geschichte einer Entzweiung, die die Welt des 21. Jahrhunderts vor ihre bisher größte Herausforderung stellt
Der „Islamische Staat“ marschiert. Die sunnitischen Dschihadisten von IS, die sich bisher Isis nannten, haben die Vororte von Bagdad in Angriff genommen. Leichen pflastern ihren Weg. Die vielen Morde an schiitischen „Apostaten“ sind eine erstaunliche und erschreckende Folge jener großen Bewegung der arabischen Revolutionen, die im Frühling 2011 für so viel Begeisterung bei den Demokraten der ganzen Welt gesorgt haben. Vergessen wir aber nicht: Die IS-Gräuel finden in einer Zeit erdbebenartiger Veränderungen des geopolitischen Gleichgewichts im Mittleren Osten statt, dessen Umrisse auf die beiden großen Weltkriege im 20. Jahrhundert zurückgehen. Zu den tektonischen Verschiebungen zählt die Gründung eines kurdischen Staates im Juni dieses Jahres. Seine Truppen haben die Kontrolle über die irakische Stadt Kirkuk übernommen, von wo aus Öl in die Türkei exportiert werden kann. Nun fehlt ihm nur noch ein Sitz bei den Vereinten Nationen. Der Kurdenstaat ist jedoch nur eine der vielen Verschiebungen. Man sollte sie alle zusammen betrachten.


Die Angst der Arabischen Halbinsel vor einem iranisch-amerikanischen Atomabkommen

Zu ihnen zählt auch die Zersplitterung Syriens. Dort steht einem Gebiet an der Küste und rings um Damaskus, das vom Regime Baschar al Assads verwaltet wird, ein von den Rebellen dominiertes Hinterland gegenüber. Die jahrhundertealte Konfiguration des Mittleren Ostens wird weiterhin umgeworfen durch die Spaltung des Irak in schiitische, kurdische und sunnitische Zonen mittels brutaler ethnisch-religiöser Säuberungen und die Entstehung eines sunnitischen „Dschihadistan“, das sich von Aleppo in Syrien bis Falludscha im Irak erstreckt.
In diesem Kontext wäre ein Nuklearabkommen zwischen Amerika und dem Iran, wie es sich derzeit abzeichnet, eine heikle Sache. Die Ölmonarchien der Arabischen Halbinsel befürchten, in diesem Fall den Kürzeren zu ziehen und zusehen zu müssen, wie ­Obama sich mit Teheran versöhnt, gerade so wie Nixon es 1972 mit Peking tat. Und schließlich sind sich dieselben arabischen sunnitischen Länder innerhalb des Golf-Kooperationsrats uneins darüber, wie sie es mit den Muslimbrüdern halten wollen. Diese transnationale islamistische Organisation wird von Katar und dessen Sender Al Dschasira, aber auch von Erdogans Türkei unterstützt, während Saudi-Arabien sie bekämpft – aus Sorge, die aus dem Mittelstand rekrutierten lokalen Muslimbrüder würden die Dynastie in Riad stürzen.
Der saudische Staat und seine Verbündeten finanzieren lieber in Kairo Marschall Sisi, der ein unerbittlicher Gegner der ägyptischen Muslimbrüder ist, mit einem Budget in Höhe von 13 Milliarden Dollar. Die gewaltige Summe ist das Zehnfache jenes Betrags, mit dem die Amerikaner Ägypten unterstützen. Dennoch wird diese Achse der „Rückkehr zur militärisch-konservativen Ordnung“, deren Schatzmeister in Riad sitzen, von Teheran beschuldigt, der größte Destabilisierungsfaktor der Region zu sein. Saudis und Ägypter, so lautet der iranische Vorwurf, unterstützten unter der Hand die Dschihadisten von IS, die sich zum Salafismus bekennen, der strengen sunnitischen Doktrin des saudischen Königreichs, der zufolge Schiiten als Apostaten den Tod verdienten.

Vom Arabischen Frühling zum Erfolg der Muslimbrüder

Fast immer, wenn der islamistische Terror sein Haupt erhebt, verläuft er an der Scheidelinie von Schiiten und Sunniten. Die Schiiten leiten sich vom arabischen Wort für Gruppe oder Fraktion ab. Sie waren eine Abspaltung von den Mehrheitsmuslimen. Sie folgten Ali, dem vierten Kalifen des Islam, dem Cousin und Schwiegersohn des Propheten. Nach dessen Ermordung im Jahr 661 hielten die Schiiten allein die Nachkommen Alis für legitime Kalifen. Später spalteten sich von ihnen die Alewiten ab. Die Sunniten hingegen knüpfen die Führung der muslimischen Gemeinschaft, der Umma, nicht an eine Abstammung aus der Prophetenfamilie. Sie stehen in der Nachfolge jener vornehmen Familien der Aristokratie von Mekka, aus deren Reihen die ersten drei Kalifen hervorgegangen waren. Der Zwist zwischen den beiden Gruppierungen durchzieht die islamische Geschichte. Erst mit der iranischen „Islamischen Republik“ von 1979 aber erreichte dieser Gegensatz seine unermesslichen Tiefen.
Um den Übergang von der etwas naiven Begeisterung für die „arabischen demokratischen Revolutionen“ im Frühling 2011 zu den Massakern und den politisch-religiösen Rissen des Sommers 2014 zu verstehen, muss man sowohl die Fakten betrachten als auch die Art und Weise, wie man sich im Westen die arabisch-muslimische Welt vorstellt. Unsere Eliten leiden unter zwei akademisch übertragbaren Krankheiten, die aus amerikanischen Universitäten stammen: dem Fukuyama- und dem Huntington-Syndrom.
Die erste Erzählung, Fukuyamas „Ende der Geschichte“, strebt die universale Vorherrschaft der amerikanischen Normen in einer unipolaren Welt an. Bestärkt durch den EU-Beitritt der meisten ehemaligen sozialistischen Länder aus Mitteleuropa, wurde diese große Erzählung aus Bequemlichkeit herangezogen, um den „Arabischen Frühling“ des Jahres 2011 zu analysieren. Die Metapher bezieht sich sowohl auf den „Prager Frühling“ von 1968 als auf den „Frühling der Völker“ von 1848, zwei Ereignisse, deren unmittelbare Folgen fatal waren: der Einmarsch russischer Panzer in die ehemalige Tschechoslowakei und der Triumph reaktionärer und autoritärer Mächte, von Napoleon III. bis Franz Josef I. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo, auf der Avenue Bourguiba in Tunis, auf den Fernsehbildschirmen und bei Youtube hat man deshalb nur die jungen Leute der Mittelklasse und der Generation 2.0 sehen wollen. Sie sollten eine strukturelle Veränderung der arabischen Welt belegen, aus der der Dschihad und der Niqab, Al Qaida, Hamas und Hisbollah wie durch ein postmodernes Wunder verschwunden wären. Stattdessen sollte eine universelle Gemeinschaft von Facebook-Freunden in einer virtuellen, einer letztlich irrealen Welt den Frieden finden.
Die Wirklichkeit hat sich gerächt: Während Ben Ali in Tunesien, Mubarak in Ägypten und Gaddafi in Libyen gestürzt wurden, wehrten sich die Regierungen im Jemen, in Bahrein und Syrien erfolgreich gegen die demokratische Welle. Auch die Arabische Halb­insel duldete keine soziopolitische Bewegung, die den Ölexport hätte gefährden können. Der Antagonismus zwischen sunnitischen und schiitischen Staaten, zwischen arabischen und iranischen Hegemonialbestrebungen siegte rasch über die Begeisterung der zivilen Gesellschaften und der Internetnutzer. Sogar in Ländern wie Tunesien oder Ägypten, in denen die Despoten abgesetzt wurden, endeten die ersten demokratischen Wahlen mit einem Erfolg der Muslimbrüder. Sie hatten die Revolution zwar nicht begonnen, aber ihre Wohltätigkeitsnetzwerke, Krankenstationen, Schulen, Moscheen und Essensverteilungen brachten die meisten neuen Wähler dazu, für sie zu stimmen.

Nun schlug die Stunde der entgegengesetzten großen Erzählung, wonach es einen „Kampf der Kulturen“ gebe. In der Nachfolge Samuel Huntingtons sah der Westen einen Kampf zwischen unserer jüdisch-christlichen Demokratie und ihrer unausrottbaren islamischen Theokratie. Die Wirklichkeit ist komplexer. Die angeblich antiwestlich gesinnte islamische Zivilisation ist in Wahrheit tief gespalten. Schiiten stehen gegen Sunniten, Araber gegen Iraner. Auch Türken, Kurden, Alawiten, Muslimbrüder und Salafisten sind kaum auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.
Wer die Massaker im Irak und die territoriale Neuvermessung am Persischen Golf verstehen will, muss den politischen Islamismus begreifen. Dessen aktuelle Ausprägung ergibt sich unmittelbar aus den Widersprüchen bei der Gründung der Muslimbrüder – ob es nun die Feindschaft mit dem Westen ist oder die mit ihm geschlossenen Kompromisse sind und die tiefen, selbstzerstörerischen inneren Konflikte.

Märtyrer-Legenden

Als Geburtsstunde der modernen islamistischen Bewegungen gilt das Jahr 1928. Damals gründete der ägyptische Grundschullehrer Hasan al Banna den Verein der Muslimbrüder. Er tat es in Ismailia, am Ufer des Suezkanals, am Sitz der internationalen Kanalgesellschaft, einem Symbol der europäischen Kolonisation. Die Muslimbrüder wollten auf den Ruinen der kolonialen Herrschaft einen islamischen Staat gründen. Die weltlichen Parteien hingegen traten für einen unabhängigen Staat ein, dessen Regierung von der politischen Philosophie der Aufklärung inspiriert sein sollte. Wie auch die sozialistischen, kommunistischen und faschistischen Bewegungen verdankt die Bruderschaft ihre Verbreitung sozialen und wohltätigen Aktivitäten. Sie verbündete sich mit der ägyptischen Monarchie gegen die große nationalistisch-laizistische Partei.
In der chaotischen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verübt die Bruderschaft politische Morde. Ihr geistlicher Führer Hasan al Banna wird 1949 erschossen. Als Nasser mit seinen Freien Offizieren im Jahre 1952 der Staatsstreich gelingt, stehen einige Muslimbrüder ihnen nahe. Dennoch wird die Vereinigung 1954 nach einem gegen Nasser gerichteten, den Brüdern angerechneten Attentat aufgelöst. Ihre Hauptführer werden erhängt und der Großteil der leitenden Anhänger in ein Lager geschickt. Anderen gelingt es, in die Königreiche des Öls zu fliehen, da diese die von Nasser mit sowjetischer Hilfe errichtete sozialistische Staatsform ablehnen.
Aus dieser schwierigen Zeit stammt die Märtyrer-Legende der Muslimbrüder. Ihr Führer Sayyid Qutb begründet mit seiner eigenen Erfahrung im Staatsgefängnis, in dem Folter an der Tagesordnung war, seine Kritik am unabhängigen Staat, spricht ihm jeglichen muslimischen Charakter ab. Er ruft zu dessen Bekämpfung auf wie einstmals der Prophet. Mohammed wollte das sündige und götzendienerische Mekka zerstören, um aus den Ruinen den ursprünglichen islamischen Staat wieder aufzurichten. In seinem Manifest „Meilensteine“ – dem „Was tun?“ der islamistischen Bewegung – fordert Sayyid Qutb den bewaffneten Kampf gegen die „ungläubigen“ Regierungen, die aus der Unabhängigkeitsbewegung entstanden sind. Nasser lässt ihn 1966 erhängen.
Die furchtbare Niederlage Ägyptens aber gegen Israel während des Sechstagekriegs im Juni 1967 ruiniert Nassers Ansehen. Die Muslimbrüder sehen darin ein Strafgericht Allahs über den sündigen Pharao, der Qutb verfolgen ließ. Nachfolger Sadat schenkt den Brüdern die Freiheit. Zugleich instrumentalisiert er sie, um die linken und weltlichen Aktivisten aus den Universitäten und Gewerkschaften vertreiben zu können. Sie verleihen dem „gläubigen Präsidenten“ eine ebenso wertvolle wie paradoxe Legitimität. Letztlich ist es ihre Unterstützung, die Sadat in die Lage versetzt, mit Israel ein Friedensabkommen zu schließen und den jüdischen Staat anzuerkennen – für die Muslimbrüder eine teuflische Gräueltat. Die Unterzeichnung des Friedensvertrags lässt sie denn auch in den entschlossenen Widerstand gegen Sadat eintreten. Eine ihr nahestehende radikale Gruppierung ermordet ihn im Oktober 1981. Danach prägt Gewalt die Beziehungen zwischen amtierenden Regierungen und islamistischen Organisationen. Man erkennt somit seit den Anfängen dieser Bewegung ihre Ambivalenz, das Ausmaß ihrer Kompromissbereitschaft mit den Feinden ihrer Feinde, selbst wenn das Endziel die Errichtung eines islamistischen Staates bleibt.

Chomeinis Fatwa gegen Salman Rushdie

Dennoch entsteht dieser nicht in Ägypten, wo Mubarak Nachfolger Sadats wird. Die islamische Revolution bricht stattdessen 1978 im Iran aus. Sie wird Ajatollah Chomeini an die Macht bringen. Diese Revolution ist nur im geringen Maße von der Doktrin der Muslimbrüder beeinflusst und eher dem Schiismus zuzurechnen. Der Klerus spielt eine tragende Rolle. Seine Hierarchie funktioniert fast wie eine Revolutionspartei leninistischer Art, um den Schah zu stürzen und nach und nach alle Gegner der Theokratie zu eliminieren. Von Anfang an bedroht dieser schiitische radikale Islam, allen Hasstiraden gegen den „großen Satan“ in Übersee zum Trotz, eher die konservativen sunnitischen Regierungen der nahen Arabischen Halbinsel, vor allem die saudische Dynastie. Auf deren Bitte hin beginnt der sunnitische Führer Saddam Hussein, von westlichen Mächten umhegt, 1980 den Irak-Iran-Krieg, den „Ersten Golfkrieg“. Er dauert acht Jahre. Beide Länder bluten aus, die iranische Expansion wird gebremst, kann jedoch im Libanon mit der Gründung der Hisbollah innerhalb der schiitischen Gemeinschaft Fuß fassen. Diese bewaffnete Bewegung wird zu Teherans Arm gegen die westlichen Interessen und gegen Israel.
Während der Krieg zwischen dem sunnitisch regierten Bagdad und dem schiitischen Teheran in den achtziger Jahren kein Ende findet, entsteht in Afghanistan eine neue Front des Islamismus. An Weihnachten 1979 war die Rote Armee einmarschiert. Sunnitische afghanische Kämpfer, denen sich „internationale dschihadische Brigaden“ überwiegend aus Algerien, Ägypten, Saudi-Arabien und dem Pakistan anschließen, führen einen Guerillakrieg gegen die sowjetischen Truppen. Der afghanische Dschihad ist das symbolträchtigste Ereignis des bewaffneten Islamismus am Ende des 20. Jahrhunderts. Der Rückzug der UdSSR Anfang 1989 verleiht ihm enormes Ansehen und kündigt nebenbei den Zusammenbruch der sowjetischen Welt an; die Berliner Mauer fällt am 9. November. Dieser neue Islamismus wird von der CIA ausgestattet und von den sunnitischen Ölmonarchien der Golfregion finanziert.
Letztere schlagen so zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie helfen bei der Zerschlagung des Kommunismus und gebärden sich noch radikaler islamistisch als der revolutionäre Iran. Um sich als Herold der gekränkten islamischen Welt zu profilieren, wird Chomeini am 14. Februar 1989 die berühmte Fatwa gegen Salman Rushdie erlassen. Der Roman „Die satanischen Verse“ soll blasphemisch sein. Die Fatwa zieht die mediale Aufmerksamkeit auf sich und stellt das Ereignis des darauffolgenden Tages, den sowjetischen Rückzug, in den Schatten. Dennoch wird das Debakel der Invasoren die größere Langzeitwirkung haben und dem Dschihadismus Dynamik verleihen. In den USA gibt man sich der trügerischen Hoffnung hin, das Phänomen verschwinde, wenn der Geldstrom aus Washington erlischt. Doch die bärtigen „Freiheitskämpfer“ gegen die Sowjetunion werden sich zehn Jahre später in die Terroristen des 11. Septembers verwandelt haben und in genau jene Hand beißen, die sie gefüttert hatte.


In den neunziger Jahren versuchen die ehemaligen Dschihadisten aus Afghanistan neue Fronten zu eröffnen – besonders in Algerien, Bosnien, Ägypten. Aber obwohl der Bürgerkrieg in Algerien die Regierung beinahe zum Zusammensturz bringt und über 100 000 Tote verursacht, können sie die Bevölkerung nicht auf ihre Seite ziehen. So entsteht eine Dschihad-Bewegung ohne geografische Verankerung, die die digitalen Kommunikationsverbindungen nutzt. Sie erstreckt sich von Afghanistan, wohin sich die wichtigsten arabischen Führer des Dschihads zurückgezogen haben, bis nach „Londonistan“, wie ihr Refugium in der britischen Hauptstadt genannt wird. Der Saudi Osama bin Laden und der Ägypter Aiman al Zawahiri erreichen eine zweifelhafte internationale Berühmtheit unter dem Namen Al Qaida („Die Basis“).

Mohammed, der Krieger und Staatsgründer

Die Attentate vom 11. September seien geplant als Reaktion gegen das Unvermögen der Dschihadisten, die muslimischen Massen für sich zu mobilisieren, erklärt Zawahiri in seinem Manifest „Ritter unter dem Banner des Propheten“. Der spektakuläre Charakter des Angriffs, der sich der Zeichensprache von Hollywood bedient, sichert ihm weltweite Wirkung und soll zeigen, dass Amerika ein Koloss auf tönernen Füßen sei, unfähig, die Verbündeten in der arabisch-muslimischen Welt zu verteidigen. Die Massen der Gläubigen sollen die USA nicht mehr fürchten, Mubarak und Konsorten stürzen und aus den Trümmern den islamischen Staat errichten.
Gleichzeitig wird in der sunnitischen dschihadistischen Weltanschauung der Angriff gegen New York und Washington nach dem Sieg über die sowjetischen Truppen wie ein Remake der heiligen Geschichte des Islam erlebt: Die Ritter des Propheten und seiner Nachfolger besiegten hintereinander die beiden Supermächte der damaligen Zeit, erst das Sassaniden-, dann das byzantinische Reich. Die Fantasie der Gläubigen wird derart stark angeregt, dass der 11. September für viele Berufungen verantwortlich ist und Al Qaida eine hohe Zahl von jungen islamistischen Rekruten weltweit sichern konnte – wenngleich er nirgends zur Errichtung eines islamistischen Staates beitrug.
Die Kamikaze-Dimension des Angriffs, bei dem der Dschihadist sein Leben für den heiligen Terrorismus opfert, wurde innerislamisch kritisiert, vor allem von dem Saudi-Arabien treu ergebenen salafistischen Establishment. Der Schlüsselbegriff, um den so erbittert gerungen wird, ist der Dschihad. Er bezeichnet im Islam die religiöse Pflicht, den Glauben zu verbreiten. Der Prophet, der alle islamischen Tugenden vereint, war bezeichnenderweise beides, ein entschiedener Krieger und ein Staatsgründer. Die heiligen Texte des Islam dokumentieren in großer Ausführlichkeit seine Schlachten und seine Unbarmherzigkeit gegenüber den Feinden, besonders wenn diese als „Ungläubige“ oder „Apostaten“ zum Tode verurteilt wurden. Die wörtliche Auslegung eines solchen Brachial-Islam liefert die Rechtfertigung für die Gewaltakte der Dschihadisten, vom Afghanistan der achtziger Jahre bis hin zum neu ausgerufenen „Islamischen Kalifat“ von IS im Juli 2014.

Positionskämpfe und Machtverschiebungen

Auch die Attentate von Nairobi, Bali, Madrid, London, die die Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Angst und Schrecken versetzen, finden in Saudi-Arabien keine Zustimmung: Der Islam, heißt es, verbiete den Selbstmord. Durch ihre Radikalität fordern die Terroristen die saudische Vormachtstellung über den sunnitischen Islamismus heraus. So bedrohte Al Qaida zwischen 2003 und 2006 auf der Arabischen Halbinsel die Riad-Monarchie durch eine umfassende terroristische Kampagne. Die eindrücklichsten Selbstmordaktionen sind aber der palästinensischen Hamas und der schiitischen libanesischen Hisbollah zuzuschreiben. Beide sind mit dem Iran verbunden und verbessern so die Position Teherans im Kampf um die muslimische Hegemonie gegenüber den sunnitischen Feinden aus den Ölmonarchien in der Golfregion.
Die Reaktion der USA auf den 11. September bestand darin, zwei Jahre später in Saddam Husseins Irak einzumarschieren. Den Vorwand gaben eine vage Verbundenheit mit dem Dschihadismus ab und der Verdacht, der Diktator besitze Massenvernichtungswaffen. Die Besatzung Iraks diente der Regierung Bush, nach dem Tod Husseins einen schiitisch dominierten Staat zu errichten. Durch einen solchen Gegenpol wollte man das sunnitische Saudi-Arabien bestrafen, da 15 der 19 Selbstmordattentäter vom 11. September aus diesem Land gekommen waren. Außerdem sollte der Weltmarkt mit irakischem Öl versorgt werden. Schließlich sah man in einem proamerikanischen, prosperierenden schiitischen Staat ein Vorzeigemodell, das die iranischen Bürger ermuntern sollte, die Mullahs zu stürzen. Diese naive Wahrnehmung basierte auf der Erfahrung mit der Übergangssituation im sowjetischen Osteuropa. Ein großes Chaos im Irak war das Resultat, die jüngsten Ausläufer sind die Mordaktionen von IS. Paradoxerweise stärkte also die amerikanische Sichtweise den Iran, den man einhegen wollte.
Der „Arabische Frühling“ hat den Akteuren der zivilen Gesellschaft ermöglicht, sich für die Demokratie einzusetzen. Er gefährdet aber seit 2012 das geopolitische Gleichgewicht der Region, indem er die Länder, in denen er sich ereignet, schwächt und die Karten neu verteilt. Die sunnitischen Dschihadisten sehen sich als Kinder bin Ladens, lassen sich aber in die Machtkämpfe in Syrien und Irak hineinziehen, während Al Qaida eine transnationale Organisation war. Sie gefährden Teheran durch den Druck, den sie auf Assad in Syrien und Maleki im Irak zu jenem Zeitpunkt ausüben, da die Verhandlungen zwischen Iran und den USA zu Ende gehen. Sollten diese erfolgreich abgeschlossen werden, sähen sich die sunnitischen Öl-Königreiche der Arabischen Halbinsel geschwächt. Auf der anderen Seite mussten die schiitischen Islamisten der libanesischen Hisbollah, die den Druck auf Israel konstant halten sollen, militärisch gegen die syrische sunnitische Revolution eingreifen. Damit wurde die Stellung Assads gesichert, der Druck auf Israel wiederum gelockert. Israel kann nun dank des syrischen Engagements der Hisbollah ungehindert die Hamas bekämpfen.
Momentan sind Muslime die Hauptopfer der islamistischen Terrorbewegungen. Europa aber wäre gut beraten, ernsthaft über eine zentrale Frage nachzudenken: Was bedeutet die Rückkehr vieler Tausender europäischer IS-Kämpfer in die europäischen Staaten?

Quelle: Cicero-Titelgeschichte zum Heft „Ist der Islam böse?“

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