Nationalratswahl 2017

Hohenems / Gibt uns die Historie eine zweite Chance?


 
Am 29.03.2015 wird in Hohen­ems die Bürgermeisterstichwahl zwischen dem jetzigen Bürgermeister DI Richard Amann (ÖVP) und seinem Herausforderer Dieter Egger (FPÖ) stattfinden. Aufruhr herrscht in der Stadt und auch in meinem Kopf.


Ich bin zur Wahl gegangen, seit ich wählen darf und habe immer aus Überzeugung und noch nie aus Taktik gewählt, selbst bei der ominösen Landtagswahl im Jahre 2009 nicht, als Dr. Sausgruber mit der ÖVP doch gewann und sich anschließend dann von Dieter Egger trennte.


Ich will keinen Dieter Egger als Bürgermeister. Er ist absolut schamlos im Anzug, da hilft auch der legere Bart nichts. Und er ist gefährlich.



Die Keimzelle des Rechtsextremismus ist die autoritäre Familie, in der Gehorsam zählt und nicht die Liebe. Das macht sich Egger zunutze, indem er in der Sprache der Unterdrückten und Ausgegrenzten den Schrei nach dem starken, erlösenden Mann formuliert, um ausgerechnet „die Familie zu stärken“. Und so gewinnt er die Stimmen der einst oder immer noch Unterdrückten oder Ausgegrenzten, für deren Ausgrenzung er auf der anderen Seite mit Begriffen wie „heimisch“ dann wieder sorgt. Das zeigt seine Inhaltslosigkeit auf, die Abwesenheit von Werten und Würde, das zeigt seine blanke Gier nach Macht.


Diese schamlose, nackte Gier macht es möglich, den Direktor des Jüdischen Museums mit antisemitischen Äußerungen auf das Tiefste zu verhöhnen und dadurch dessen persönliches Ansehen und jenes der Stadt über die Landesgrenzen hinweg zu beschädigen und sich nie dafür zu entschuldigen. Diese Gier macht es möglich, im Wahlkampf gegen ein Verkehrskonzept zu wettern, das er selbst mitbewirkt hat. Diese Gier macht es auch möglich, gegen die Vision Stadt Hohenems, an der er nie teilgenommen hat, zu wettern und sich gleichzeitig deren Ideen auf die eigenen Schultern zu heften.


Für so einen Menschen ist die Welt ein Selbstbedienungsladen. Er nimmt sich, was ihm nützt, um seine eigene Macht zu stärken – um der zutiefst empfundenen eigenen Unterdrückung zu entgehen. Ein Bart kaschiert das.


Mit dem amtierenden Bürgermeister DI Richard Amann pflege ich wegen seines Willens zum Gehorsam eine zwanzigjährige Gegnerschaft, die sich während des Visionsprozesses zunehmend freundlicher gestaltete, weil ich über einige persönliche Schatten gesprungen bin und mich dem Gemeinwohl verpflichtete. Zugute halte ich ihm eine gewisse Erschwernisauflage, da er auf dem Scherbenhaufen des letzten Niederschmetterers seine Amtszeit beginnen musste. Jetzt stellt also dieser mein Quasi-Lieblingsfeind in der Stadt für mich das kleinere zu wählende Übel dar.


Prompt erreichte mich die Bitte, eine Unterstützungserklärung für ihn zu unterschreiben, die die reinste Lobeshymne auf ihn singt, damit Egger nicht gewinnt. Das konnte ich nicht unterschreiben, ich wäre mir selbst gegenüber korrupt gewesen. Eine Wahl zwischen einem für mich großen und einem kleineren Übel ist keine Wahl – und ich kann keine Heilung für die Stadt darin sehen. Ich sagte daher ab.


Die Antwort kam postwendend, von einer Seite, von der ich sie eigentlich nicht erwartet hatte – vom Direktor des Jüdischen Museums. Es sei menschlich nicht anständig, die einzige Alternative zum Populisten und Antisemiten Egger nicht zu wählen. Unter einem Bürgermeister, dem er nicht die Hand schütteln könne, könne er nicht existieren. Für ihn gehe es um alles oder nichts. Ich wartete nach dem Lesen dieses Schreibens auf meine Emotionen. Sie traten nicht auf. Ich bin menschlich nicht anständig, wiederholte ich, und wartete erneut. Nichts rührte sich. Stunden vergingen in absolutem Schweigen. Dann kam ein Gedanke: Jetzt macht der Direktor des Jüdischen Museums mir diese „Unwahl“ zu einer Wahl zwischen ihm und Dieter Egger, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Diese Wahl ist absolut klar für mich – aber dafür müsste ich Amann die Stimme geben, der in dieser Wahl dann Profiteur wäre. Das ist doch verrückt, dachte ich. Und alles oder nichts? Der Satz schien mir ziemlich übertrieben – oder zumindest aus dem System gefallen. Aber meine Seele sprach noch nichts.


Es gebe eine Ethik, die meine Texte durchziehe, sagte einmal ein Freund zu mir. War sie mir jetzt abhandengekommen oder hatte sie gar nie wirklich existiert? Ich irrte durch die Wohnung. Ich irrte durch meine Schriften. Ich suchte die Philosophen auf und las bei den Themen Moral und Politik nach. Kategorischer Imperativ: Wenn alle so handeln würden wie ich, dann würde niemand zu dieser Wahl gehen. Das war für mich in Ordnung. So weit, so gut. „Wer auf die Moral zählt, um Elend oder Ausgrenzung zu beseitigen, macht sich offenkundig Illusionen.“ Ich stöhnte. Ich war also menschlich nicht anständig, weil ich nicht wie alle anderen wusste, was zu tun sei – und ich war mit meiner Moral auch noch ein Illusionist.


Ich ging zum Zahnarzt und ließ mir einen Schneidezahn ziehen und etwas Knochen vom Gaumen in den Kiefer verpflanzen. Das war am Dienstag.


Am Mittwoch erzählte mir jemand etwas Klatsch. Es kamen darin Rumpelstilzchen und andere Götter, deren Namen man nicht aussprechen darf, vor. In der Stadt rumore es. Das war irgendwie tröstlich. Dann schickte mir jemand den Artikel aus dem „Standard“, worin es hieß, ein blauer Bürgermeister gegen eine andere Mehrheit – da stünden dann ohnehin bald Neuwahlen an. Endlich eine vernünftige Aussage, dachte ich. Aber warum, warum quälen sich alle so bis auf den einen Starken, nämlich Dieter Egger? Warum erscheinen mir plötzlich alle korrupt, einschließlich mir selbst? Was sehe ich nicht??????, fragte ich mich.


Ich gab auf. Ich beschloss, menschlich unanständig zu bleiben, mich erneut zurückzuziehen. Die Welt könne mich, dachte ich, in meinem Teich laichen die Frösche. Das ist eine Tatsache, an die ich mich halten kann.


Da rief mich mein Kieferorthopäde am Mittwoch an, um mich zu fragen, wie es mir gehe. Diese unbezahlbare, unentgeltliche Anteilnahme an meinem höchstpersönlichen Trauma rührte mich zutiefst.


Und da war es plötzlich. Aus heiterem Himmel das Wort: Trauma. Dann kam das nächste: Symbolfigur. Der starke Mann. Unterdrückung. Ohnmacht. Spuk. Befreiung. Heilung. Von irgendwoher tropften plötzlich sämtliche Wörter, die ich in meiner Absage zur Unterstützungserklärung verwendet hatte – ich hatte sie nur falsch geordnet.


Was sich in diesem Theater Stadt Hohenems abspielt, zeigte sich, als ich nur hinschaute:


Es ist ein grandioses Schauspiel, an dem die Teilnehmer niemals freiwillig teilgenommen hätten. Es wirkt wie
eine Organisationsaufstellung: Die Stellvertreter sprechen aus, wie es ihnen an ihrem Ort, ihrer Position geht, ohne etwas über jene wirklichen Menschen, für die sie dastehen, zu wissen. Was dabei herauskommt, hat mich fasziniert. Man weiß, ohne zu wissen. Und plötzlich wird klar, warum einer im System sich so verrückt aufführt, warum einer krank ist oder warum es z.B. keine echten Gefühle gibt. Manchmal, wenn ein schweres Verbrechen vorliegt, muss jemand aus dem System gehen. Solche Aufstellungsarbeit wird auch von Tiefenökologen mit Städten gemacht, die eine Katastrophe aufzuarbeiten haben. Denn wenn Städte sich auch wandeln, sie bleiben Orte der kollektiven Erinnerung, des Erkennens. Sie bleiben Orte, in denen emotionale Bindungen in die Vergangenheit reichen. In der Stadt Hohenems scheint derzeit die historische Situation durch drei Personen aufgestellt, die Täter, Opfer und Profiteure darstellen:


Den Stellvertreter für den Täter, der mit antisemitischen Äußerungen eine furchtbare Schuld verhöhnt, indem er das unsägliche Schicksal der jüdischen Opfer schamlos verspottet, gibt Dieter Egger.


Den Stellvertreter für die jüdischen Opfer und ihre tiefste Verzweiflung gibt Hanno Lœwy.


Den Stellvertreter für die Profiteure gibt Bürgermeister Amann.


All das erinnert an diese Situation von damals. Fast die ganze Stadt scheint Kopfzu- stehen, um dieses Mal das Unglück abzuwenden. Und es ergibt sich tatsächlich die Möglichkeit, diese Schuld endlich zu heilen. Eine solche Chance bietet die Historie nicht oft. So etwas kann man sich nicht besser ausdenken: Mit den richtigen Akteuren heilt eine Stadt sich selbst!


Ein mögliches heilendes Lösungsbild zu dieser Aufstellung wäre:


Dieter Egger müsste sich bei Hanno Lœwy entschuldigen und dann das System verlassen. Er müsste zurücktreten von seiner Kandidatur. Wenn er das machte, gewänne er sein Ansehen zurück und könnte sich einer lobenden historischen Erwähnung sicher sein. Hanno Lœwy müsste die Entschuldigung annehmen und den Rücktritt von Dieter Egger sehr achten. Er könnte sich von dem
von ihm am historischen Ort empfundenen siebzigjährigem Schmerz befreien. Er müsste sich für eine Formulierung bei mir (und vielleicht auch bei anderen) entschuldigen, denn jeder hat sein kleines Auschwitz, wie Viktor Frankl einmal lächelnd formulierte.


DI Richard Amann müsste für das Wohl der Stadt zurücktreten. Was er jetzt gewänne, gewänne er nicht aus einer Wahl, sondern aus einer Solidaritätsbewegung gegen Egger. Auch er würde von der Geschichtsschreibung gelobt und wäre befreit von vielen Wirrnissen.


Die Stadtvertretung als oberstes Regierungsorgan (!)­ könnte eine/n für alle annehmbaren parteilose/n Bürgermeister/in wählen, und eine/n starke/n Stadtamtsdirektor/in, ähnlich dem vor hundert Jahren so ehrlich und weitsichtig für Hohen­ems wirkenden Klemens Brandis, einsetzen. Die Farben würden verschwinden, weil alle Parteien sich endlich der Sachpolitik annähmen: die Umsetzung der von rund 2000 Bürgern formulierten Vision.


Die anhaltende Verdrängung der Geschichte macht unsere sogenannte freie Wahl zu einer der Geschichte verpflichteten Solidaritätsbewegung. Aber ebendiese Solidarität will ich erweitert sehen:


Ich nehme daher das Land Vorarlberg und den Staat Österreich, deren damalige
Vertreter für die NS-Verbrechen in Hohenems die gesetzlichen Voraussetzungen schufen, in eine moralische und politische Mitverpflichtung.


Hiermit bitte ich alle offiziellen Vertreter des Landes Vorarlberg und des Staates Österreich stellvertretend für ihre politischen NS-Vorfahren, und alle jene Menschen in Österreich, die sich für die Heilung der schweren österreichischen NS-Schuld in unserer Stadt einsetzen wollen, Dieter Egger und DI Richard Amann schriftlich und höflich um ihren Rücktritt zu bitten. Ich tue es hiermit.


Zur Person


Gabriele Bösch

Geboren: 1964, aufgewachsen in Koblach

Wohnort: Hohenems

Tätigkeit: Autorin, Literaturvermittlerin

Werke: Romane „Der geometrische Himmel“, „Schattenfuge“, Theaterstücke, Hörspiele

Auszeichnung: Literaturstipendium des Landes etc.

Familie: verheiratet, fünf Kinder


Kommentare:

  1. Grandios. Tiefen Respekt für diesen Text.

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  2. Chapeau für den Text, nur Nichtwäheln stärkt nur den oportunistischen Widerling D. Egger. Das Ansehen Hohenems wird nicht geschädigt beim Wahl des konservativen und engstirnigen DI Richard Amanns, genieren muss man sich nicht - nein im Gegenteil man kann Stolz sein dass die braunblauen kein absolutes Oberwasser bekommen haben in Hohenems - in letzter Minute!

    Ein Signal.

    In der Stadtvertretung kann man sich dann anschliessend mit den Schwarzen auseinandersetzen - für ein offenes und menschliches Hohenems.
    Schlucke die Krot, die Alternative wäre fürchterlich.

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