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Türen gehen auf 16 / 20.02.2013


Briefe an die Bewohner/innen einer Stadt

Von Gabriele Bösch

Kennen Sie das? Wenn man schwanger ist und sich darüber freut, sieht man plötzlich überall schwangere Frauen.

Wenn man lange mit sich ringt, ob man nun einen Lottoschein ausfüllen soll oder nicht, beginnt man zu beobachten und sieht plötzlich nur noch Lottozettel ausfüllende Menschen und füllt eben auch einen solchen aus. Und wenn man Schmerzen im Rücken hat, begegnen einem nur noch Menschen, die soeben Bandscheibenvorfälle erlitten haben. Die Vorstellung von unserem größten Glück wie auch die Befürchtung unseres größten Unglücks lenken unsere Wahrnehmung.
Den Blick auf schwangere Frauen habe ich mir regelrecht abtrainiert. Es hat zwar ein Weilchen gedauert, aber es gelang. Den Blick auf die Kinder bin ich allerdings nie losgeworden. Als einmal ein neuer Nachbar in unsere Gegend zog, fragte er mich eines Tages: „Sag mal Gabi, wie viele Kinder hast du eigentlich? Da sind immer so viele in deinem Garten!“ Das ist schon einige Jahre her, diese Kinder sind inzwischen Lackel, aber sie kommen immer noch. Sie haben ihre eigenen Wege in unserem Garten und durch das Haus angelegt. Manchmal sehe ich sie, obwohl sie gar nicht da sind.

Vor ein paar Jahren war ich in Istanbul. Ich staunte über diese saubere Stadt. Kein Kaugummi auf dem Boden, kein Zigarettenstummel. So aufgeräumt. Erst nach zwei Tagen kam ich drauf, dass mir etwas in diesem Stadtbild fehlte: Ich sah keine Kinder. Keine Frauen mit Kinderwägen. Das hat mich absolut irritiert. Ich fragte die Reiseleiterin, wo denn die Kinder in dieser Stadt seien. Sie antwortete: „In der Schule“. Ja, und die Kleinen? Frühmorgens ging ich durch den Stadtteil, in dem wir untergebracht waren, suchte Spielplätze. Die fand ich, ausgerüstet mit Turngeräten wie in einem Fitnesscenter, an dem erwachsene Frauen trainierten – ohne Kinder. Zuhause dann machte ich alle meine türkischen Freunde verrückt. Seitdem erzählt mir jeder von ihnen, wenn er von Istanbul zurückkommt, wie viele Kinder er gesehen hat. Ich hatte im Übrigen auch das Gefühl, viel zu wenig alte Menschen dort gesehen zu haben.
Es hat mich nie losgelassen, dieses Bild von einer Stadt, in dem die Jüngsten und die Ältesten fehlten. Vielleicht bin ich dann zur Projektausstellung am Samstag deshalb in diesem Raum in der Frohen Aussicht hängen geblieben, in dem die Kinder ihre Visionen aufgeschrieben haben. „Kletterbäume“ war da auf einem blauen Zettel zu lesen. Das hat mein Herz erfreut. Auf einem anderen stand „Süsichkeiten laden“, liebevoll ausgemalt. Und liebevoller, ehrlicher, schöner, kann man dieses Wort auch gar nicht schreiben! Ja, und irgendwo auf diesem Riesenstadtplan am Boden lag auch eine Karte, auf der stand schlicht: „schulfrei“. Genau! Die Kinder formulieren ganz exakt. Wir brauchen Schulen, in denen die Kinder das Gefühl haben, schulfrei zu haben. Spielend lernen. Aber wo setzt man da zuerst an? Vielleicht wirklich bei den Kletterbäumen. Ich nahm jedenfalls eine Karte und schrieb darauf, dass wir Maronibäume pflanzen sollten am Schlossplatz und statt der Einschaltfeier veranstalten wir dereinst ein Maronifest, denn der Maronimann, ja der gehört wahrscheinlich nicht nur für mich zum winterlichen Stadtbild. Und warum sollten die Kinder nicht lernen, woher ihre Süsichkeiten kommen?

Und wie sehr wir selbst alle noch Kinder in unseren Herzen sind, das erlebten wir am Samstag vor dem Salomon-Sulzer-Saal, als uns Jürgen Peter verzauberte, der Magier, der uns alle an einem Strang ziehen ließ, der Politikergeld zuerst zerriss und es dann auch noch verschwinden ließ. Die Hunderteuroscheine hat er sicher selbst gebastelt – aber das ist eben auch eine Vision, dass Hohenems eine eigene Währung kreiert. Nein, das ist nicht „gesponnen“. Viele Städte weltweit (dreihundert sind es schon) schließen sich der Bewegung der Transition Towns an, entwerfen eine stadteigene Währung, produzieren ihren Strom selbst, legen ihre Gärten zusammen usw., um zwischen Klimawandel und Peak Oil ihr Überleben zu sichern. Aber das ist eine längere Geschichte, die allerdings schon im Zukunftsbüro des Landes Vorarlberg gelandet ist und irgendwann werde ich hier in meinen Briefen an sie anknüpfen.

Jetzt stehen wir noch an einem Anfang, auf einem Platz, an dem sich Emser treffen, Kinder, Pensionisten, Jugendliche, Frauen, Männer, Ärzte, Arbeitslose, Menschen unterschiedlichen Glaubens, die zusehen, wie ein Magier als Höhepunkt zum Schluss einen Tisch schweben lässt. Seine klammen Hände verrieten uns keine Geheimnisse, nein, das gehörte zur Vision: Dass auch wir auf diesem gemeinsamen Weg Fehler machen werden, weil wir ungelenk sein werden, weil Kälte uns lähmen wird, dass aber der Zauber des Möglichen zu uns durchdringt, dass wir sogar ein bisschen rot dabei werden …

Worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken.

Dass Frau Scheiderbauer das Haus mit dem schönen Namen Frohe Aussicht zur Verfügung stellt, dass der Bürgermeister den Zopf spendierte, dass Herr Obwegeser einen Fernseher zur Verfügung stellte, dass Frau Ritsch und Herr Metzler nun schon ihre Partner in Hohenems besuchen, anstatt sie vermisst zu melden und dass jemand daran dachte, Fußabstreifer für die Frohe Aussicht zu organisieren! Danke!

Und vor allem: dass es Menschen gibt, die jetzt schon Ideen aufgreifen und umsetzen: Die Entstehung dieses Schneebrunnens im Jüdischen Viertel ist etwas vom Schönsten, was ich in Hohenems erlebt habe, obwohl ich gar nicht dabei war! Es muss ein großer Spaß gewesen sein – und sehen Sie, wenn man eine Vision hat, dann fügt sich alles, dann geht alles plötzlich ganz leicht.

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